Sehr geehrter Herr Seehofer, …

Wer ist ein Weltretter? Bist du ein Weltretter? Bin ich einer? Ich glaube wir sind zu pingelig mit diesem Begriff. Warum kann nur der Anführer, der Held, der, der unermüdlich für seine Überzeugung kämpft, ein Weltretter sein? Retten nicht auch die unsere Welt, die einfach nicht alles machen, alles mitmachen, die, die nicht alles glauben?

Weltretter sind die, die in dieser undurchschaubaren, unverständlichen und gewaltsamen Welt an die Schönheit der Welt glauben. Die, die ihre Hoffnung in eine immer kleiner werdende Idee setzen. Menschlichkeit.

Kaum einer von uns in Deutschland weiß, wie es ist auf der Flucht zu sein. Wir durchleben eine Realität voller Beständigkeit. Wir ärgern uns über dieses und jenes.

Wir werden ständig konfrontiert mit einem Wort. Obergrenzen. Wer hat dieses Wort aufgebracht? Wer weiß das schon. Aber es ist auch völlig egal. Was macht dieses Wort mit uns? Löst es Empörung aus? Oder das Gefühl von Gerechtigkeit? Oder berührt es uns nicht mal, als würden wir es hören, aber nicht verarbeiten? Als würde es rausgefiltert, kaum dass wir es wahrgenommen haben.

Wir nehmen nur einen Bruchteil der Reize, die ständig auf unsere Sinnesorgane einprasseln, tatsächlich bewusst wahr. Vielleicht schützen wir uns damit selber.

Der Begriff wird laufend von vielen führenden Charakteren dieses Landes verwendet. Das sind Menschen, dessen Gesichter für uns nicht fremd sind. Individuen könnte man sagen. Individuen mit einem Vor- und Nachnamen, einem Alter  und einer Meinung.

Sehr geehrter Horst Seehofer. Sie forderten letztlich eine Obergrenze. Oder etwas Ähnliches. Sie sind in der Politik zu einer Leitfigur eines Gedankens der Hilfe geworden, der nicht mehr auf den Hilfesuchenden beruht. Sie profitieren von der Angst unter uns. Der Angst vor Neuem. Der Angst vor Unbekanntem. Eine Angst, die von allen Seiten aus Eigennutz befeuert wird, ohne dass die Handelnden über die Konsequenzen nachdenken.

Herr Seehofer, was bedeutet für sie das Wort Menschlichkeit? Sie genießen einen sehr großen Luxus. Ich spreche von dem Luxus, den die Politiker immer hatten. Den Luxus, die Entscheider zu sein. Fernab der Problemquelle über theoretische Ursachen, theoretische Folgen, theoretische Realität zu debattieren. Verstehen sie mich nicht falsch Politiker sind wichtig und tragen eine große Verantwortung in der Vertretung unserer Gesellschaft.

Doch wenn sie nicht in der Lage sind, sich einer Familie gegenüber zu stellen; einer ganz normalen Familie, sagen wir, einer Mutter, einem Vater, einem kleinen Jungen und einem kleinen Mädchen. Die Familie ist jung, das Mädchen kann grad laufen. Wenn sie nicht in der Lage sind dieser Familie zu sagen, was sie im deutschen Fernsehen so mutig, selbstbewusst, ja so überzeugt preisgeben, wenn sie dieser Familie, die tausende von Kilometern hinter sich gebracht hat ohne zu wissen, wo das Ende ist und was danach kommt, die einen anderen Ausweg gewählt hätte, wenn es einen anderen gegeben hätte, wenn sie nicht in der Lage sind dieser Familie persönlich ins Gesicht zu sagen, dass ihr Weg umsonst war, dann haben sie als Politiker für mich keinerlei Wert.

Das wäre wohl genau der Moment, in dem sie so etwas wie Menschlichkeit spüren würden. Wollen sie derjenige sein, der diesen Menschen sagt, dass ihre lange Flucht noch kein Ende hat? Dass sie eine lustige Erfindung hatten, die sich Obergrenze nennt und jetzt die eine Familie aufgenommen wird, aber genau diese eine nicht?

Welche Begründung würden sie finden? Wie würden sie sich verteidigen? Würden sie sich verteidigen?

Sehr geehrter Herr Seehofer. Sie haben einen Vor- und einen Nachnamen. Sie haben ein Alter. Sie haben eine Meinung. Sie haben ein Gesicht.

Sie werden vermutlich nie wirklich einer Flüchtlingsfamilie gegenüberstehen, denen sie sagen müssen, dass sie sich herausnehmen die eigene Bequemlichkeit über ihr Leid zu stellen, aber ich wünschte sie würden.

Jeder der in diesen Tagen erkennt, dass wir unsere Heimat teilen können und dass jeder von den 7 Milliarden Menschen da draußen einen Vor- und Nachnamen, ein Alter und eine Meinung hat, ist ein Weltretter. Jeder der erkennt, dass keiner genauer über den Status eines Krieges Bescheid weiß, wie die, die in ihm wohnten, die vor ihm fliehen, ist ein Weltretter.

Wenn ich mit diesen vielen, vielen Worten nur eine Intention verfolge dann ist es diese hier: Glaubt nicht alles, was ihr hört. Glaubt nicht den Personen, die ihre Autorität aus politischer Macht beziehen wollen. Welche Autorität kann ein Mensch haben, der über eine Situation urteilen will, die sich ihm soweit lediglich in Zahlen präsentiert? Man kann Menschlichkeit nicht in Zahlen fassen. Das ist das was hier tatsächlich mal jemand begreifen muss.

Glaubt nie jemandem, der denkt, dass Macht die Lösung ist.